Können Darmbakterien Essstörungen verursachen?

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Können Darmbakterien Essstörungen verursachen?

Darm-Mikroben als Verursacher für bakterielle Infektionen und Darmerkrankungen, aber auch deren Heilung, wurden hinreichend untersucht, bislang aber gab es keinerlei Untersuchungen in Bezug auf Essstörungen.

Unsere Ernährung beeinflusst Darmbakterien

Unser Körper ist die Heimat von Billionen von Mikroben, vor allem unser Verdauungstrakt, der uns darin unterstützt, unsere Nahrung zu verdauen und schädliche Krankheitserreger zu vernichten.

Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass Veränderungen in der Ernährung schnell die Mikroben-Populationen in unseren Eingeweiden angreifen und stören, und Essstörungen sind, laut einer aktuellen Studie, die im International Journal of Eating Disorders veröffentlicht wurde, wahrscheinlich nichts anderes als Störungen unserer Mikroben-Population.

“Bisher haben wir uns auf Darm-Erkrankungen wie C. diff.- Infektionen und andere entzündliche Darmerkrankungen konzentriert, aber wir wollten herausfinden, ob auch bei Erkrankungen psychischer Genese eine Veränderung der mikrobiellen Signatur mit einhergeht.”

Heute leben rund 30 Millionen Menschen, die unter Anorexie, Bulimie, und anderen Essstörungen leiden, dennoch sind die Behandlungsmöglichkeiten, angefangen von psychologischen Interventionen bis hin zur medikamentösen Behandlung, weitgehend unerforscht und oft nicht zufriedenstellend.

“Wir wollen sehen, inwieweit diese Krankheiten Auswirkungen auf den Darm haben oder umgekehrt”, so Orli Kadoch, Wissenschaftler auf dem Gebiet der Microbiome.

Microbiome und Anorexie

Eine der neuesten Studien, durchgeführt vom National Institute of Mental Health, untersuchte die Bakterienarten von 100 Personen mit Anorexie (Magersucht) während ihres Aufenthaltes in der Klinik bis sie ein gesundes Körpergewicht wiedererlangten, und auch noch darüber hinaus.

Eine andere Studie untersuchte in den gesamten USA die Microbiome an gesunden Menschen sowie an Menschen mit Anorexie, Bulimie und anderen Essstörungen, um ein umfassendes Bild zu erhalten und vielleicht neue Erkenntnisse für neue Behandlungsmöglichkeiten zu gewinnen.

„Ein Teil des Problems liegt darin, dass wir nicht sehr viel über die Biologie von Essstörungen wissen“, so Bulik.

Wir wissen beispielsweise, dass Essstörungen zu den tödlichsten aller psychiatrischen Erkrankungen zählen, aber wir wissen nicht wirklich, warum sich ein Teil der Bevölkerung zu Tode hungert, während so viele andere Menschen darum kämpfen, auch nur einige Pfund an Körpergewicht zu verlieren, oder auch warum manche Menschen weit über ihren Sättigungszeitpunkt hinaus Nahrung zu sich nehmen können.

„Niemand erwartet eine einfache Antwort auf diese komplexen Erkrankungen, aber die Microbiome sind ein wichtiger Bereich, der noch nicht erforscht wurde“, so der Mikrobiologe Ian Carroll und ein Co-Investigator der NIMH-Studie.

Dass die Microbiome bei Patienten mit Anorexia nervosa noch nicht untersucht worden sind, ist schon leichtsinnig“, so Carroll.

Obwohl der Volksmund sagt, dass „Ihre Liebe durch den Magen geht“, zeigen neueste Forschungsergebnisse, dass „sie auch durch Ihr Gehirn geht“. Wissenschaftler nennen es die „Darm-Hirn-Achse“.

Bakterielle Ursache für Gewichtszunahme und Angstzustände?

In einer der neueren Studien wurde herausgefunden, dass Mäuse in einer keimfreien Umgebung mit nur wenigen Mikrobiomen, ein signifikant weniger ängstliches Verhalten an den Tag legten als Ihre Pendants, die sich im Freien bewegten.

Eine weitere neuere Studie kam zu dem Ergebnis, dass eine tägliche probiotische Ergänzung die Angstzustände beim Menschen signifikant verringert. Auch eine Gewichtszunahme wird durch die Darm-Mikroben beeinflusst, dies wurde ebenfalls in Studien herausgefunden. In Versuchen mit fettleibigen Mäusen stellte sich heraus, dass mit Hilfe von Darmbakterien-Transplantationen großer Einfluss auf das Körpergewicht genommen werden konnte, und auch bei einem Menschenversuch, bei der eine Probandin eine Transplantation von Darmbakterien ihrer Tochter bekam, zeigte sich ein ähnliches Ergebnis.

Bakterien-Anteil bei normalgewichtigen Menschen

Eine Pilotstudie über den Anteil von Microbiomen bei magersüchtigen Menschen im Krankenhaus zeigte deutliche Unterschiede zu dem Microbiom-Anteil bei normalgewichtigen oder übergewichtigen Menschen.
Der Microbiom-Anteil bei magersüchtigen Menschen im Krankenhaus erhöht sich automatisch in Qualität und Quantität, denn mit der Klinik-Ernährung werden dem Körper wieder viele Nährstoffe zugeführt.

“Und nur ein vielfältiger Mikrobiom-Anteil ist ein gesunder Mikrobiom-Anteil”, so Bulik.

Die kalorienreiche Ernährung hat auch eine paradoxe Wirkung auf viele Menschen mit Anorexie, und macht ihren Stoffwechsel extrem ineffizient, so dass der Kalorienbedarf noch höher wird. Viele an Magersucht Erkrankte müssen ca. 3500 bis 4000 Kalorien pro Tag zu sich nehmen, um ein Pfund pro Woche zuzunehmen.

Niemand weiß wirklich, warum das so ist, aber Bulik und Carroll wollen nun untersuchen, ob bestimmte Bakterienarten dabei eine Rolle spielen. Bulik und ihr Team setzten ihre Untersuchungen an den Probanden auch nach Krankenhausentlassung fort und stellten fest, dass die eine Hälfte ihrer Probanden erfreulich an Gewicht zunahm, während die andere Hälfte sehr zu Rückfällen neigte und wieder einen Gewichtsverlust erlitt.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass bestimmte bakterielle Spezies einen Hypermetabolismus aufwiesen, andere aber nicht. Das weist darauf hin, dass auch noch andere Mikroben Auswirkungen auf das Verhalten haben.

“Bei unseren weiteren Versuchen werden wir alle Mikroben aus einem komplexen Umfeld untersuchen und können so kontrollierter die funktionellen Auswirkungen auf Gewicht und Verhalten sehen“, sagt Carroll.

Nicht nur die Anorexie, sondern zahlreiche andere Erkrankungen werden durch die in uns lebenden Billionen von Mikroben beeinflusst.

Sagen kann man schon jetzt, dass es unwahrscheinlich ist, dass nach diesen und anderen Studien die Auswirkungen der Mikroben alle definiert und erforscht werden können, aber es ist immerhin ein Anfang.

By | 2016-07-21T11:36:48+00:00 Oktober 23rd, 2015|Categories: Darmgesundheit, Mikrobiom, Psychische Gesundheit|0 Comments

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